TU Berlin Zeit für einen Kulturwandel

In diesem Beispiel wird eine breit angelegte Initiative gegen Sexismus und sexualisierte Diskriminierung und Gewalt des Koordinationsbüros für Frauenförderung und Gleichstellung der TU Berlin vorgestellt. Sie besteht aus Plakatkampagnen und Workshops für Studierende und Mitarbeiter*innen.

Arbeitgebertyp:
Öffentlicher Betrieb und Verwaltung
Anzahl der Mitarbeiter*innen:
ca. 7.800 und ca. 35.000 Studierende
Maßnahme:
Sensibilisierungsmaßnahme
Durchführung:
2019
Weitere Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung:

Richtlinie gegen sexualisierte Diskriminierung/Gewalt, Beratungsstellen intern und extern

Kontakt

Annica Peter, Koordinationsbüro für Frauenförderung und Gleichstellung E-Mail: peter@campus.tu-berlin.de

Einige Angaben zum Arbeitgeber

Die Technische Universität Berlin ist eine der großen Berliner Universitäten.

Ausgangslage und Motivation

Weiterführende Materialien zur Maßnahme

Angestoßen durch die #Me Too-Debatte wurde innerhalb der TU Berlin vermehrt über strukturellen Sexismus und sexualisierte Belästigung und Gewalt im universitären Kontext diskutiert. Dabei fiel auf, dass es neben den bestehenden Strukturen auch einen breit getragenen Kulturwandel braucht, um gemeinsam mit allen Hochschulmitgliedern sexistischen Tendenzen entgegen zu wirken. Das Koordinierungsbüro, die Beratungsstellen und die Richtlinie der Universität waren und sind vielen Menschen gar nicht bekannt, so die Einschätzung von Annica Peter, zweite stellvertretende zentrale Frauenbeauftragte. Aus diesem Grund startete das Koordinationsbüro für Frauenförderung und Gleichstellung eine umfassendere Initiative, um diese Beratungsstrukturen sichtbar zu machen und den Kulturwandel anzuregen. Mittels alltagsnaher Beispiele sollten interne Debatten angestoßen und deutlich gemacht werden, dass Sexismus früh anfängt und tatsächlich alle angeht. Die Kampagne sollte als Einladung an alle Hochschulmitglieder konzipiert werden, Teil des geforderten Kulturwandels zu werden und Sexismus nicht zu tolerieren.

Maßnahmenbeschreibung

Die Initiative „Zeit für einen Kulturwandel – Gegen Sexismus in all seinen Facetten“ besteht im Kern aus einer Plakatkampagne und aus einer Reihe von Workshops, in denen sich Studierende und Mitarbeiter*innen mit unterschiedlichsten Aspekten von Sexismus und Diskriminierung auseinander setzen. Die Plakatkampagne besteht aus insgesamt zehn verschiedenen Motiven (s. u.), die ganz unterschiedliche, sehr alltägliche Situationen aus dem universitären Alltag mit einem Zitat aufgreifen und mit einem Bild unterlegen. Als kleingedruckter Text auf dem Plakat finden sich dann Erläuterungen zu der dargestellten Situation. Folgende Motive sind dargestellt:

  • „Zum Institutsfest komm ich nicht mit Partnerin, sondern mit Kind und Ehemann.“
  • „Ich bin Ihre Kollegin, nicht Ihre Kleene.“
  • „Ich fand den Vorschlag bereits gut, als die Kollegin ihn vor fünf Minuten einbrachte.“
  • „Meine Selbstbestimmung ist wichtiger als ein Name auf der Anmeldeliste.“
  • „Kommentier ihre Arbeit und nicht ihr Aussehen.“
  • „Frag nach meiner Forschung und nicht nach den Kindern.“
  • „Ihr Literaturverzeichnis gleicht einem DAX Aufsichtsrat, so wenig Frauen wie darin vorkommen.“
  • „Du wirst auf Facebook gestalked, ich im Reallife.“
  • „Dein Verhalten ist unerträglich, meine Stimme versagt.“
  • „Ich bin nicht die Sekretärin, sondern die Professorin.“

Daran wird deutlich, dass die in der Kampagne angesprochenen Rollenzuschreibungen und Abwertungen deutlich über die im AGG aufgeführten Formen von sexueller Belästigung hinaus geht. Aber gerade dies ist beabsichtigt und steht im Einklang den Erkenntnissen der Studie "Umgang mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz – Lösungsstrategien und Maßnahmen zur Intervention" von Schröttle et. al. aus 2019.

Diese stellte 2019 fest, dass die beste Prävention für sexuelle Belästigung ein Betriebs- oder Organisationsklima ist, das sexueller Belästigung keine Chance gibt. Die Plakatmotive haben eine klare Botschaft: Weder Aussehen noch Gehalt, Kinderzahl oder sexuelle Orientierung sollten dazu führen, dass Menschen, vor allem Frauen, an der Universität entweder zu wenig wahr- und ernstgenommen werden oder Belästigung erfahren. Mit den in der gesamten Universität plakatierten Motiven, sollten alle an der Universität - egal ob als Studierende oder Beschäftigte – dauerhaft an die Probleme rund um strukturellen Sexismus erinnert werden. Außerdem sollten Diskussionen angeregt werden, in Seminaren, in Gremien, auf den Sozialen Medien usw.

In Kombination mit der Plakataktion wurden Workshops zu sechs verschiedenen Themen angeboten:

  • Boys don’t cry – Workshop zu toxischer Männlichkeit
  • Zusammen sind wir stärker – 1x1 der Verbündetenschaft
  • Sexismus, #Me Too, Feminismus – reine Frauenthemen? (nur für Männer)
  • Selbstverteidigung Basics
  • Empowerment Workshops
  • Umgang mit Fällen von sexualisierter Gewalt/Diskriminierung

An dieser Themenauswahl zeigt sich, dass die Initiative auch hier auf das gemeinsame Nachdenken, Reflektieren und Diskutieren zielt. Gleichzeitig sollten aber auch Menschen, die sexuell belästigt werden bzw. sexuelle Gewalt erleben, Angebote zur Selbststärkung und zur Gegenwehr bekommen. Die Workshops waren ein freiwilliges Angebot, es nahmen Teilnehmer*innen aus allen Statusgruppen teil.

Die Plakatkampagne und die Workshops werden mit dem Blog kfu_kulturwandel (blogs.tu-berlin.de/kfg_kulturwandel) ergänzt. Dieser thematisiert Sexismus grundsätzlich, stellt Gegenstrategien vor und macht die Richtlinie zum Umgang mit sexualisierter Diskriminierung und Gewalt sowie die Beratungsstellen innerhalb und außerhalb der TU bekannt.

Stimmen aus der Praxis und Wirksamkeit

Annica Peter, zweite stellvertretende zentrale Frauenbeauftragte und verantwortliche Ansprechpartnerin für die Initiative erzählt, dass diese sehr gut angenommen wurde. Die Workshops seien gut nachgefragt worden und die Plakate hätten ihre Funktion erfüllt und Diskussionen ausgelöst. Besonders gefreut hat Annica Peter, dass die Zahl der Männer unter den Teilnehmenden ihre Erwartungen übertroffen hat. Ohne die Auswirkungen der Corona-Pandemie wäre das Workshop-Programm schon ausgeweitet worden.

Gleichzeitig lässt sich die Wirksamkeit der Kampagne nicht in konkreten Daten messen. Die Einleitung eines Kulturwandels ist eine langwierige Angelegenheit, die nicht zum kurzfristigen Erfolg führt. Die Sprecherin des Plenums der Frauenbeauftragten, Julia Döring, stellt aber fest, dass „die Beratungsanfragen (…) an meiner Fakultät zugenommen (haben).“ Es kann zwar nicht zweifelsfrei gesagt werden, ob das eine mit dem anderen zu tun hat, aber aus ihrer Sicht „kann (es) sein, dass es mit der Initiative zusammenhängt, dass da sensibilisiert wird, dass man über solche Themen sprechen kann und sich Beratung einholen kann und da auch gehandelt werden muss, wenn es solche Fälle gibt.“

Für Julia Döring ist deshalb auch klar, dass das Thema weiterhin öffentlich thematisiert werden muss. Eine Möglichkeit wäre die Entwicklung einer zweiten Auflage von Plakaten mit Beispielen, die jetzt noch nicht vertreten sind.

Einbettung der Maßnahme

Die TU Berlin hat eine Richtlinie zum Schutz vor sexueller Diskriminierung, Belästigung und Gewalt. Diese wurde 1999 verabschiedet. In der Richtlinie sind Beschwerdeverfahren und Sanktionsmöglichkeiten bei sexueller Diskriminierung, Belästigung und Gewalt geregelt.

Tipps für die Übertragung

Wer an eine ähnliche Kampagne für die eigene Universität, die eigene Organisation oder das eigene Unternehmen denkt, sollte sich zunächst Gedanken darüber machen, was typische Situationen sind, in denen Sexismus, sexuelle Belästigung und/oder sexuelle Gewalt konkret in der eigenen Organisation erlebt werden. Je näher die Situationen an der realen Arbeitswelt und dem Alltag sind, desto eher wird es gelingen, Diskussionen an der Einrichtung anzuregen. „Eine solche Plakataktion muss immer auch provozieren“, so Annica Peter, damit kontroverse Diskussionen angestoßen werden und nicht nur diejenigen erreicht werden, die dem Thema ohnehin aufgeschlossen gegenüber stehen. Es gibt die Möglichkeiten, eine solche Initiative top-down oder bottom-up zu organisieren. Wenn sie aber top-down organisiert wird, sollte in einem partizipativen Prozess sichergestellt werden, dass alle wichtigen Themen und Bereiche angesprochen werden. Unabhängig von der Frage, wer ausführende*r Akteur*in ist, müssen ausreichend Ressourcen für eine gut gestaltete Kampagne und Referent*innen für Workshops eingeplant werden.

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Weiterführende Materialien zur Maßnahme