Bayer Vital GmbH Die Talk Time des Betriebsrates als niedrigschwelliges Gesprächsformat

In diesem Beispiel wird ein kleines, aber sehr effizientes Instrument vorgestellt, wie Kolleg*innen über sexuelle Belästigung im Arbeitsleben ins Gespräch kommen können und wie dieser Austausch in den Betrieb hineinwirkt.

Arbeitgebertyp:
Privates Unternehmen
Branche:
Industrie
Anzahl der Mitarbeiter*innen:
ca. 1.200
Maßnahme:
Sensibilisierungsmaßnahmen
Durchführung:
2016
Weitere Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung:

im Rahmen des Mutterkonzerns vielfältige Aktivitäten zur Förderung von Chancengleichheit, u.a. Betriebsvereinbarung

Kontakt

Sigrid Ziarek, Betriebsrätin E-Mail: Sigrid.ziarek@bayer.com

Einige Angaben zum Arbeitgeber

Die Bayer Vital GmbH ist eine Tochtergesellschaft des Bayer-Konzerns und vertreibt Medikamente in den Divisionen Consumer Health, Pharmaceuticals und Radiology. Der überwiegende Teil der Mitarbeiter*innen ist im Außendienst beschäftigt.

Ausgangslage und Motivation

Seit 2016 führt der Betriebsrat regelmäßig das Talk Time–Format für bis zu 20 Teilnehmerinnen durch. Das Angebot spricht gezielt Frauen im Innendienst an. In der 60-minütigen Veranstaltung in der Mittagspause werden Themen behandelt, die im allgemeinen Interesse liegen. Als Format nur für Frauen bietet es ihnen einen geschützten Raum, in dem das Redeverhalten anders sein kann als in anderen Treffen. Im Rahmen der #Me Too-Debatte war es der Wunsch einzelner Mitarbeiterinnen, auch sexuelle Belästigung zum Thema der Talk Time zu machen. Diese Anregung wurde vom Betriebsrat aufgegriffen, damit sich die Frauen untereinander in vertrauensvoller Atmosphäre über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz austauschen können.

Maßnahmenbeschreibung

Bei der Talk Time handelt es sich um ein niedrigschwelliges Sensibilisierungsinstrument, das es ermöglicht, auch über Probleme zu sprechen, die sonst nicht zum gemeinsamen Gesprächsthema werden. Durch die Durchführung in der einstündigen Mittagspause ist es keine dienstliche Veranstaltung und bedarf keiner Absprache mit den Vorgesetzten. Die Dauer von 60 Minuten spricht auch diejenigen an, die bei längeren Veranstaltungen schwerer zur Teilnahme zu motivieren wären.

Der Ablauf sieht zunächst einen kurzen Impulsvortag von einer externen Expertin vor, danach steht das gemeinsame Gespräch im Mittelpunkt.

Die #Me Too-Debatte wurde zum Diskussionsanlass über eigene Erfahrungen aus dem Alltag der Teilnehmerinnen. Im Vortrag wurde deutlich, was sexuelle Belästigung ist, welche Formen sie annehmen kann, wer Opfer von sexueller Belästigung ist und in welchen Konstellationen (unter Kolleg*innen, durch Vorgesetzte, durch Kund*innen und/oder Besucher*innen o.ä.) sie vorkommt. Gleichzeitig wurde dargestellt, wie sich Betroffene gegen sexuelle Belästigung zur Wehr setzen können.

Stimmen aus der Praxis und Wirksamkeit

Für Sigrid Ziarek, verantwortliche Betriebsrätin für die Talk Time, ist das Format eine großartige Art, mit Kolleginnen ins Gespräch zu kommen. Die Kommunikation in diesem vertrauensvollen Raum führe zu einem besseren Betriebsklima, erzeuge ein Zusammengehörigkeitsgefühl und ein stärkeres Bewusstsein für die Interessen und Nöte der Kolleginnen. Die Tatsache, dass sich hier nur Frauen treffen, erzeuge eine andere Gesprächsatmosphäre und eröffne neue Perspektiven. Sigrid Ziarek berichtet, dass fast alle Teilnehmerinnen bei der Veranstaltung bestätigten, sexuelle Belästigung selbst schon erlebt zu haben, sei es privat oder am Arbeitsplatz. Das Sprechen über ein Tabuthema schuf eine Offenheit für einzelne, akute Vorfälle. Anschließend konnten so im Betrieb konkrete Vorkommnisse angesprochen und untersucht werden, selbstverständlich unter absoluter Verschwiegenheit. Betroffene Kolleginnen fühlten sich bestärkt in ihrer Wahrnehmung und ermutigt, aktiv zu werden. Die Talk Time hatte so unmittelbare Wirkungen auf die Intervention bei konkreten Vorfällen gegen sexuelle Belästigung.

Eine Führungskraft, die an der Talk Time teilgenommen hat, zeigte sich überzeugt, dass die Veranstaltung auch längerfristig etwas verändern würde. Die Anregungen würden sicher den eigenen Umgang mit potentiellen Vorfällen verändern: „Es war gleichzeitig erstaunlich und erschreckend, dass fast jede Kollegin selbst erlebte oder beobachtete Erfahrungen von sexueller Belästigung mit den Anwesenden teilen konnte. Die vertrauensvolle und schützende Atmosphäre der Talk Time hat hier wie ein ‚Eisbrecher‘ gewirkt und es ermöglicht, dieses durchaus schambehaftete und hochsensible Thema mutig und offen anzusprechen und in verständnisvollen Austausch zu treten. Wichtig für mich war es auch zu erfahren, dass der Arbeitsgeber dazu verpflichtet ist, Betroffene aktiv vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zu schützen und präsente Ansprechpersonen im Betrieb zu kennen.“

Einbettung der Maßnahme

Neben der Talk Time-Reihe ist die Bayer Vital GmbH als Tochterfirma der Bayer AG grundsätzlich in ein starkes Netz von umfangreichen Maßnahmen zur Förderung von Chancengleichheit und Diversity, Bekämpfung von Diskriminierung aller Art und für Fairness und Respekt am Arbeitsplatz eingebunden, die im Mutterkonzern entwickelt werden.

Tipps für die Übertragung

Bei der Umsetzung des Talk Time-Formates sind verschiedene Faktoren für das Gelingen wichtig. Zunächst führt das kurze zeitliche Format dazu, dass der Besuch der Veranstaltung niedrigschwellig ist. Eine einstündige Veranstaltung in der Mittagspause lässt sich gut in einen normalen Arbeitstag integrieren. Wichtig ist außerdem, eine externe Person für den Input einzuladen, um einerseits die Mitarbeiterinnen neugierig zu machen und andererseits dem Thema mehr Wertschätzung zu verleihen. Die Gruppengröße sollte 20 Personen nicht überschreiten, damit ein gemeinsames Gespräch möglich ist. Last but not least ist es von großem Vorteil, auch für das leibliche Wohl der Teilnehmenden zu sorgen und einen Mittagsimbiss parat zu halten.

Das offizielle Logo der Bayer Vital GmbH