"Diskriminierung in Deutschland"
Dritter Gemeinsamer Bericht

2017

der Antidiskriminierungsstelle des Bundes
und der in ihrem Zuständigkeitsbereich betroffenen Beauftragten der Bundesregierung und des Deutschen Bundestages

- Steckbrief zu den zentralen Ergebnissen -

Diskriminierungserfahrungen sind verbreitet

Im repräsentativen Teil der Studie „Diskriminierungserfahrungen in Deutschland“ berichtet knapp ein Drittel der Befragten (31,4 Prozent) davon, in den beiden Jahren vor der Erhebung Diskriminierung aufgrund eines oder mehrerer der im AGG genannten Merkmale erfahren zu haben. Werden auch Diskriminierungserfahrungen aufgrund anderer, vom AGG nicht geschützter Merkmale (z. B. "soziale Herkunft", äußeres Erscheinungsbild) einbezogen, steigt der Anteil auf 35,6 Prozent. 14,8 Prozent berichten von Diskriminierung aufgrund des Lebensalters, jeweils knapp ein Zehntel aufgrund des Geschlechts, wegen der Religion bzw. Weltanschauung, aus rassistischen Gründen bzw. wegen der ethnischen Herkunft oder wegen einer Behinderung bzw. Beeinträchtigung. Diskriminierungserfahrungen aufgrund der sexuellen Orientierung machten 2,4 Prozent der Befragten.

Diskriminierung trifft alle, aber manche stärker

Bestimmte Gruppen sind – auch das zeigt die Befragung – einem höheren Diskriminierungsrisiko ausgesetzt als andere. So sind es in erster Linie Frauen, die Benachteiligungen wegen ihres Geschlechts erfahren (sie berichten fünf Mal so häufig wie Männer von Diskriminierungserfahrungen aufgrund des Geschlechts). Diskriminierung wegen der sexuellen Orientierung trifft fast ausschließlich homosexuelle Menschen. Zudem weisen Menschen nichtchristlichen Glaubens wie z. B. Muslim*innen ein höheres Risiko auf, Diskriminierung zu erfahren. Zugleich sind Mehrfachdiskriminierungen von hoher Bedeutung. Eine besonders starke Querschnittskategorie ist das Geschlecht: etwa in Kombination mit dem Lebensalter, wenn Frauen wegen möglicher Schwangerschaft oder ihrer Kinder nicht eingestellt werden; wenn es überwiegend lesbische Frauen sind, die homosexuellenfeindlichen und sexualisierten Anfeindungen ausgesetzt sind oder wenn vorwiegend kopftuchtragende muslimische Frauen vom Verbot religiöser Symbole betroffen sind.

Beratungsanfragen

Die Spannweite der Diskriminierungserfahrungen spiegelt sich in den Beratungsanfragen.
Insgesamt erhielt die ADS im Berichtszeitraum 2013–2016 9.099 Anfragen zu Diskriminierungserfahrungen. Auch bei der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration ging in den vier zurückliegenden Jahren eine hohe Zahl an Anfragen ein. Vor allem wegen der Merkmale ethnische Herkunft, Behinderung und Geschlecht beklagen Betroffene Diskriminierung.

Diskriminierungserfahrungen jenseits der Grenzen des AGG

Menschen erleben Diskriminierung und suchen Unterstützung, auch wenn die Benachteiligung in keinem vom AGG geschützten Lebensbereich stattfindet oder nicht an ein geschütztes Merkmal anknüpft. Das betrifft vor allem die Lebensbereiche Bildung, Ämter und Behörden sowie Öffentlichkeit und Freizeit. Auch Benachteiligungen wegen Merkmalen außerhalb von § 1 AGG werden als Diskriminierung benannt, insbesondere die „soziale Herkunft“, der Familienstand, die Staatsangehörigkeit oder die äußere Erscheinung.

Diskriminierung hat viele Gesichter

Es hängt sehr von den jeweiligen Lebensbereichen und betroffenen Merkmalen ab, in welcher Form sich Diskriminierung zeigt. Geht es um wichtige Ressourcen wie Arbeit, Bildung, Wohnraum oder Güter sowie Versicherungen äußert sich Diskriminierung häufig als verwehrter Zugang oder als Leistungsverweigerung oder in Form geringerer Chancen durch schlechtere Behandlung.

Diskriminierungsrisiken in der öffentlichen Arbeitsvermittlung

Der zweite Teil des Berichts beschäftigt sich auf der Grundlage der Studie „Diskriminierungsrisiken in der öffentlichen Arbeitsvermittlung“ mit Diskriminierung in Jobcentern und Arbeitsagenturen.

Zentrale Ergebnisse

  1. Diskriminierungsrisiken in der öffentlichen Arbeitsvermittlung entstehen dadurch, dass es Mitarbeiter*innen, die im direkten Kontakt mit Arbeitsuchenden sind, zum Teil an einer ausreichenden Professionalisierung hinsichtlich der Vermittlungs- und Integrationsarbeit fehlt.
  2. Beratungsdefizite sowie Barrieren (z.B. keine Angebote in Leichter Sprache oder eingeschränkte Dolmetscherdienste) beim Zugang zu Dienstleistungen stellen institutionelle Diskriminierungsrisiken für Kund*innen dar.
  3. Das von Arbeitsagenturen und Jobcentern angewandte Kennzahlensystem wird als problematisch gesehen. Fachkräfte richten demnach ihre Vermittlungsanstrengungen zu wenig an Arbeitsuchende, wie bspw. Alleinerziehende oder Menschen mit Behinderungen aus.
  4. Da Verfahren und Entscheidungen in der öffentlichen Arbeitsvermittlung zu großen Teilen mündlich ergehen, bleiben Verfahren und Verfahrensrechte für die Betroffenen oft intransparent und nicht nachvollziehbar.